Herrenstraße 33
Kapitel 1: Totenwache
Es roch streng, streng wie in einem Keller, in dem man jahrzehntelang verfaulte Leichenteile gelagert hatte, streng, durchdringend, abstoßend, unerträglich, und es war dunkel, eine Dunkelheit, die nicht nur den Raum umhüllte, sondern auch in mich hineinkroch, in meinen Schädel, in meine Brust, in meine Knochen, eine Dunkelheit, die nicht nachließ, nicht verschwand, sondern sich ausbreitete, eine Dunkelheit, die alles in sich einsog, was auch nur annähernd lebendig war. Ich hatte Angst, diese kindliche, primitive, alles überdeckende Angst, von der man als Erwachsener sagt, dass sie kindlich und primitiv gewesen sei, obwohl sie die einzig echte ist, die einzig wahre, die einzig ernstzunehmende.
Ein komischer Brauch, sagte ich mir, ein absurder, grotesker, menschenverachtender Brauch, dass Kinder, kleine Kinder, in das Sterbezimmer der Großeltern geschleppt wurden, geschleift wurden, hereingedrängt wurden, in ein Zimmer, in dem eine Leiche lag, eine tote Großmutter, meine tote Großmutter, meine tote, böse, hasserfüllte Großmutter, die in ihrem ganzen Leben nichts getan hatte, als Menschen zu hassen, zu schikanieren, zu unterdrücken, allen voran ihre eigene Schwiegertochter, meine Mutter, die nun neben mir stand, heulend, weinend, schluchzend, obwohl sie sie gehasst hatte, abgrundtief gehasst, diese tote Frau im Bett, diese kalt gewordene Kreatur, deren Kinn man mit einer Mullbinde hochgebunden hatte, damit es nicht herunterklappte, wie es bei Toten üblich ist, eine groteske Szene, eine lächerliche, verstörende, abscheuliche Szene.
Diese Mullbinde, dachte ich, diese Mullbinde, die das Kinn hielt, war das einzige, was diesen toten Schädel noch zusammenhielt, das Einzige, was ihn davor bewahrte, vollends auseinanderzufallen.
Mit diesem Tuch um das Kinn sah sie aus, als hätte man ihr soeben einen Zahn gezogen, einen besonders schmerzhaften Zahn, den letzten Zahn ihres Lebens, einen Zahn, den sie sich mit ins Grab nahm, aber sie hatte keine Schmerzen mehr, dachte ich, sie war tot, sie war mausetot, wie man so sagt, mausetot und gleichzeitig kälter als jede Maus es je sein könnte, fahler als jedes Tier, starrer als jede Figur aus Stein.
Und wir standen da. Ich stand da. Meine Mutter stand da. Wir standen da wie zwei Idioten, wie zwei Marionetten, die eine jahrhundertealte Tradition erfüllen mussten, eine katholische, katholisch-abergläubische, katholisch-reaktionäre Tradition: die Totenwache. Wir Kinder. Ich. Warum? Wozu? Für wen? Für diese tote Frau? Für diese tote, hasserfüllte, kalte Frau, die ihr ganzes Leben damit verbracht hatte, anderen das Leben zur Hölle zu machen?
Die katholische Kirche! Die katholische Kirche, dieser Apparat, dieses Machtgebilde, diese Folterkammer für Kinder!
Schon damals, in diesem sterbenden Zimmer, wusste ich, dass ich niemals ein überzeugter Kirchgänger sein würde, niemals, dass ich diese Kirche verabscheute, dass ich sie hasste, mit allem, was ich hatte, dass ich sie widerlich fand, verlogen, bigott, dekadent.
Diese falschen Gläubigen! Diese falschen Gläubigen, die jeden Sonntag vor der Kirche standen und fluchten, auf Gott, auf die Welt, auf alles, was sich bewegte, und die dann in die Kirche hineingingen, fromm taten, fromm blickten, fromm sangen, fromm rochen. Diese Männer mit ihren Schnurrbärten und ihren strammen Frisuren, diese Frauen, zugeknöpft bis unters Kinn, bis in die Haarwurzeln hinein zugeknöpft, zugeknöpft bis in die Seele.
Und wir Kinder, wir Buben, wir Mädchen, wir waren ihre Opfer. Wer sich vor der Kirche nicht benahm, wurde zusammengestaucht, zusammengeschrien, zusammengeschlagen, innerlich, äußerlich, seelisch, körperlich, moralisch.
Ich hasste sie alle. Ich hasste diese Kirche. Ich hasste diese alten Männer. Ich hasste diese alten Frauen. Ich hasste sie für das, was sie uns antaten.
Und so ging ich, Sonntag für Sonntag, heimlich, verstohlen, mit schlechtem Gewissen, mit einem schrecklichen, katholischen, katholisch-gezüchteten schlechten Gewissen, das sich wie ein bleierner Umhang über meine Schultern legte, auf den Blümersberg, ich durfte nicht über die Herrenstraße gehen, weil man mich hätte sehen können, ich ging über die Berggasse, voller Angst, voller Schuldgefühle, voller Verzweiflung, und suchte mich dort selbst, auf diesem Hügel, auf diesem Berg, auf diesem armseligen Hügel meiner Kindheit.
Und dort stand sie, meine Kupfertafel. Diese alte, verrottete, grün angelaufene Kupfertafel, auf der alle Gipfel der Berchtesgadener oder Tiroler Alpen eingraviert waren, dieser alte, verwitterte Richtungszeiger, mein einziger Kompass, mein spiritueller Fluchtpunkt, mein Atlas des Überlebens.
Ich stellte den Zeiger auf den Watzmann, auf diesen mythischen, brutalen, tödlichen Berg, diesen Schicksalsberg, wie sie ihn nannten, 2.713 Meter hoch, hoch über allem, was mir auf Erden begegnet war, dieser Berg war mein Gott, dachte ich, mein einziger Gott, und er sprach nicht.