Kapitel 2: Im Jahr des Affen – 1968
Im Jahr des Affen, sagte meine Mutter, wir haben das „Jahr des Affen“ (1968 ist im chinesischen Horoskop das Jahr des Affen), rief sie mir zu, während sie wieder einmal in der Neuen Post blätterte, in dieser Illustrierten des Irrsinns, in dieser bunten Heuchelei, diesem Zirkusblatt der sentimentalen Grausamkeit, dieser Wochenpredigt für Witwen und Vereinsmeier, für verzweifelte Hausfrauen und gelangweilte Kleinbürger, die nichts mehr wollten, als Woche für Woche betrogen zu werden, betrogen und wieder betrogen, mit Bildern von gekrönten Häuptern, von Prominenten im Unglück, von Schauspielerinnen in der Misere, von Monarchen im Ehebruch, ein einziges Rezeptbuch für Elend und Verzweiflung.
Wir leben im Jahr des Affen, sagte sie, ein gutes Jahr, ein hervorragendes Jahr, ein Jahr für Intelligente, für Geistreiche, für Anziehende, las sie mir vor, voller Inbrunst, voller Überzeugung, als handle es sich nicht um den absurden Unsinn eines chinesischen Horoskops, sondern um eine geoffenbarte Wahrheit, in Stein gemeißelt, in Gold gerahmt, eine Weisheit, die für Jahrhunderte Bestand haben würde. Aber ich, ich war acht Jahre alt, und ich wusste es besser, ich wusste, dass nichts, absolut nichts, was in diesem verfluchten Jahr geschehen war, auch nur im Entferntesten intelligent oder geistreich gewesen war.
Man sprach überall von Revolution, man sprach von Vietnam, von Napalm, von brennenden Kindern, man sprach vom Prager Frühling und seinem jähen Ende, man sprach von Dubček und den Panzern, die über die Hoffnung fuhren, man sprach von Paris, von Barrikaden, von Studenten, die sich selbst überschätzten, man sprach in Bonn von Notstandsgesetzen, man sprach von Nixon, von Breschnew, von den Russen und den Amerikanern, man sprach vom Mondflug, man sprach vom Fortschritt, der keiner war, man sprach von einer neuen Zeit, man sprach, man sprach, man redete die Welt in Grund und Boden, aber in Tittling, in dieser gottverlassenen Einöde, bestand die Revolte aus drei angetrunkenen Gästen, die bei meinem Vater im Wirtshaus um fünfzig Pfennig stritten, während sie eine konservativere Haltung forderten, ohne jemals ein Buch gelesen, ohne jemals ein Wort verstanden zu haben von Konservatismus, Sozialismus, von Revolution, von Vietnam oder Paris, von Nixon oder Dubček, von Studenten oder Notstandsgesetzen.
Und mein Vater, der Wirt, dieser gutmütige, im Kern sanfte Mensch, der im Umgang mit uns Kindern nie grob war, nie brutal, der uns nie geschlagen, nie auch nur angeschrien hatte, dieser gutmütige Vater, der aber zugleich schwach war, unendlich schwach, ein Mann, der immer gefallen war, gefallen ins Glas, gefallen ins Bier, gefallen in seine eigenen Unzulänglichkeiten, dieser Vater saß daneben, mit halbvollem Bierglas, die Übersicht scheinbar behaltend, immer die Übersicht behaltend, solange er nicht zu viel von seinen sogenannten kleinen Bierchen getrunken hatte, diesen kleinen Bierchen, die in Wahrheit große Katastrophen waren, weil sie in ihrer Masse nichts Kleines mehr an sich hatten, nichts Kleines, nur das Unheil, das sich in Türmen von Gläsern vor ihm aufhäufte.
Einmal kam ich vom Fußballplatz heim, Samstag, Sonntag, im Grunde gleichgültig, denn alle Tage in Tittling waren gleich, alle gleich langweilig, gleich öd, gleich hoffnungslos, und da lag mein Vater mit einem Eisbeutel auf dem Auge, ein zugeschwollenes Auge, blutunterlaufen, das Andenken an eine Schlägerei, die er nicht gesucht, die er aber auch nicht verhindert hatte, und meine Mutter schimpfte, wie sie immer schimpfte, wenn mein Vater wieder einmal unterlegen war, wenn er wieder einmal aus Schwäche in eine Stärke gestolpert war, die keine war, wenn er sich wieder einmal prügelte mit seinen Gästen, den Gästen, die er brauchte, die er ernährte, die ihn ernährten, die er zugleich verachtete und liebte, wie er alles verachtete und zugleich brauchte.
Fünfunddreißig Kleine, sagte sie, fünfunddreißig Kleine, wer trinkt fünfunddreißig Kleine, das kann nur mein Vater, das kann nur mein Mann, sagte sie, während sie ihm den Eisbeutel hielt, während sie ihn beschimpfte und pflegte, während sie ihn hasste und liebte, während sie ihn verachtete und umsorgte, umsorgte wie ein krankes Tier, das man nicht erschlagen kann, weil man es liebt, weil man es braucht, weil man an es gekettet ist.
Donnerstag war Ruhetag, der Tag des Metzgers, dieser stiernackigen Figur, die in ihrem blutgetränkten Schlachthaus stand, in diesem Tempel des Todes, und dort bekam ich mein Donnerstags-Turner-Würstel, mein heiliges Donnerstags-Turner-Würstel, während draußen die Zeitungen berichteten, dass in Vietnam Dörfer verbrannten, dass Studenten in Westberlin Steine warfen, dass sowjetische Panzer die Freiheit niederwalzten, dass Amerikaner den Mond eroberten, während drinnen der Rauch, das Blut, das Schwein die Luft erfüllte, als sei alles, wie es immer war, als sei nichts geschehen, als sei die Welt nicht längst aus den Fugen geraten.
Und dann war da der Postbote, die Nachrichtenagentur von Tittling, der schon morgens sein Bier brauchte, der alles wusste, alles weitererzählte, alles verdrehte, und während draußen die Weltgeschichte tobte, während Studentenführer erschossen wurden, während RAF-Leute in Kellern Bomben bauten, während amerikanische Präsidenten sich im Fernsehen rechtfertigten, während die Menschheit am Rand des Atomkriegs stand, während die Russen und Amerikaner um Raketen und Einflusssphären feilschten, während die Welt den Atem anhielt, war in Tittling der Skandal, dass der Pfarrer mit seiner Haushälterin im Bett lag und meine Schwester öffentlich vor der Klasse erniedrigte.
Mein Vater der schwache, der gutmütige zog seine Helmut-Schmidt-Kappe auf, diese lächerliche Gerechtigkeitsrüstung, und marschierte ins Pfarrzentrum, kam zurück, sagte nur: erledigt, der Pfarrer erledigt, das Problem erledigt, und schwieg, schwieg, als sei damit die Ordnung der Welt wiederhergestellt, als sei die Welt bereinigt, obwohl sie es nie war, nie war und nie sein konnte.
Und die Lehrer, die schwarzen Pädagogen, die Prügelmonster aus der Vergangenheit, schlugen weiter, schlugen unaufhörlich, und ich floh, floh in die Realschule, in ein neues Gebäude, eine neue Welt, nicht unbedingt besser, aber anders, eine Welt, in der man zum ersten Mal das Gefühl haben konnte, dass Schule nicht nur Folter, nicht nur Prügel, nicht nur Vernichtung bedeutete, sondern vielleicht Luft, vielleicht Möglichkeiten, vielleicht sogar Leben, für einen asthmakranken Jungen, der nichts wollte als atmen, in diesem Jahr des Affen, das meine Mutter für das beste aller Jahre hielt, und das für mich nichts war als das hoffnungsloseste, das trostloseste, das erbärmlichste Jahr meines Lebens.